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Tagebuch
Die Erfindung und Erkundung von G n lt n ist ein wichtiger Teil der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. In diesen G n lt n spielt neben medialen Welten, die eher als Flucht nach innen funktionieren, der Tanz als Widerstandspotenzial eine wesentliche Rolle. In den immer wiederkehrenden Rebellionen, die sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr im öffentlichen Raum abspielt, gibt es die verschiedensten Rollenmuster und Kostümierungen, die ein enormes kreatives Potential verraten. Dazu gibt es sehr spannende Untersuchungen und Texte.
Veröffentlichungen
Vom "Zitterkäfer" (Rock'n Roll) zum "Hamster im Laufrädchen" (Techno). Streifzüge durch die Topographie jugendkultureller Stile am Beispiel von Tanzstilen zwischen 1945 und 1994 (zusammen mit Heinz- Hermann Krüger). In: Ferchhoff, W./ Sander, U./ Vollbrecht, R. (Hrsg.): Jugendkulturen - Faszination und Ambivalenz. Weinheim/ München 1995, S. 93- 109
- "Let there be rhythm". Bemerkungen zur Ästhetik tänzerischer Ausdrucksformen Jugendlicher seit der Nachkriegszeit (zusammen mit Heinz- Hermann Krüger). In: Der pädagogische Blick, 1995, Heft 2, S. 98- 107
- Love, peace and unity. Techno, Jugendkultur oder Marketing Konzept? In: die deutsche Jugend, Heft 7- 8, 1995, S. 316- 324
- Raver´s paradise? German youth cultures in the 1990´s (zusammen mit Heinz- Hermann Krüger). In: Tracy Skelton/Gill Valentine (ed.): Cool places. Geographies of youth cultures. Routledge London 1997.
- Work your body. Zur Ästhetik kommunikativer Bewegungsformen, In: Birgit Richard, Robert Klanten (Hrsg.): Icons. Localizer 1.3., Berlin 1998,
- Welcome to the Warehouse. Zur Ästhetik realer und medialer Räume als Repräsentation von jugendkulturellen Stilen der Gegenwart (zusammen mit Heinz-Hermann Krüger). In: Jutta Ecarius/Martina Löw (Hrsg.): Raumbildung- Bildungsräume. Über die Verräumlichung sozialer Prozesse. Opladen 1997, S. 147-166
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"Shut up and dance." A transformation in the Attitudes and Aesthetics of the German Youth Culture (zusammen mit Heinz-Hermann Krüger).In Taboo: The Journal of Culture and Education Volume I, Spring 1997, New York
Auszug aus Birgit Richards Aufsatz zur Ästhetik kommunikativer Bewegungsformen:
Work your body. Zur Ästhetik kommunikativer Bewegungsformen
Tanz besitzt als non-verbale Kommunikationsform eine Ästhetik, die sich in prägnanten gestalterischen Formen äußert. Vor allem die Tanzformen jugendlicher expressiver Stile lassen sich nicht auf Freizeit- und Vergnügungsaspekt reduzieren. Ästhetische Formen, die sich in Räumen, Tanzformen und -figuren, Gestaltung von Kleidung und Körper ausdifferenzieren und das spezifische Provokationspotential, müssen mitbedacht und analysiert werden. "Pop kennt im Prinzip nur eine Richtung: von der absoluten Ausgeschlossenheit des einzelnen (...) zur utopischen Eingeschlossenheit aller (...). (Diedrichsen 1994, 23) Tanz ist neben der Musik ein integrierender Mechanismus, der zur Bildung internationaler Stammeskulturen führt. Es bilden sich „tribes" oder Familien (vgl. Techno- Veranstaltung: „Universe, the tribal gathering". In Ausstellung und Buch „Street styles" des Victoria and Albert Museum gibt es eine Sektion bzw. ein Kapitel über die 90er Jahre, überschrieben mit „gathering of the tribes“.), die sich in Inhalten und Habitus von anderen Stämmen abgrenzen. Diese Wahlgemeinschaften und -familien ersetzen teilweise alte soziale Bindungen und knüpfen an Vergemeinschaftungsformen außereuropäischer Kulturen an.Der Tanz erhält durch diesen Prozeß der Selbst-Tribalisierung seine rituelle Bedeutung zurück. Er wird als verbindendes soziales Element zum Mittelpunkt der kultgleichen Feiern.Die Selbstettikettierung als Stammesgemeinschaft weist auf die als Mangel empfundene Tatsache der fehlenden Einbindung in größere soziale Gefüge hin. Mit der Re-ethnisierung von Jugendkulturen werden negativ besetzte und für die gesellschaftliche Reproduktion unwichtige Freizeitaktivitäten wie Musik, Tanz und Zustände wie Rausch und Ekstase, monotoner Rhythmus zu positiven Zeichen für die Erprobung neuer sozialer Formen.Tanz als visueller Ausdruck für den „generation gap"Der Tanzstil gehört mit Musik und Kleidung zum Bereich der „grounded aesthetics" (Willis), der profanen Alltagskultur. Er präsentiert neben dem Körperbild des Stils in komprimierter Form gleichzeitig Gegenbilder zu gesellschaftlich präferierten Körperbildern.Tanz ist die Demonstration jugendlicher Lebendigkeit, er gibt als „Pulsschlag des Lebens" (Klages) expressiven und rauschhaften Momenten Raum.Jugendliche Tanzmusik wird von Musikwissenschaft und -soziologie als qualitativ minderwertige, funktionale Musikrichtung entweder gar nicht oder nur unter dem Aspekt der Kommerzialität als Negativbeispiel behandelt. (Flender/ Rauhe 1989, 82, 87). Für Flender/ Rauhe stellen Disco- und Rockmusik eine rudimentäre Stufe jugendlicher Kreativität dar.Auch jugendliche Tanzkultur bietet immer Anlaß für moralische Bedenken und staatliche Restriktionen. Schon im 19. Jh. gibt es in Wien Klagen wegen mehrtägiger, rauschhafter Walzerexzesse. Die ersten Modetänze wie Cakewalk und Cancan rufen Kommentare hervor, die Tänzer machen „von oben gesehen den Eindruck tanzender Mikroben."(F.W. Koebner zitiert nach Eichstedt/Polster 1985, 15) In der Nachkriegszeit entwickeln sich zum ersten Mal eigenständige jugendliche Tanzszenen. Die neuen Körperbewegungen sind der Erwachsenenwelt in der Regel fremd, erscheinen bedrohlich und „widernatürlich". Das führt zu groben Etikettierungen des jugendlichen Tanzstils: z.B. werden Rock´n´ roll tanzende Jugendliche als "Zitterkäfer [wörtliche Übersetzung des Begriffs Jitterbug, B.R.], die sich amerikanischer Mixkultur ausliefern" (E. Friedrich zitiert nach Müller/ Nimmermann 1968,15) bezeichnet. Adorno bezeichnet den Boogie Woogie als puren Reflex, „das Stolpern als eine Art höherer Geschicklichkeit (...), nicht ernst zu nehmender Gestus der Adoleszenz." (Adorno)Ähnliche Aussagen, die vom Mißverständnis jugendlicher Tanz- und Musikformen zeugen, gibt es in jedem Jahrzehnt. Sie verweisen auf die Prägung der westlichen Kultur durch die cultural patterns des Christentums, die den Tanz als „heidnisch"-kultischen Akt der körperlichen Entgrenzung, als schädliches Teufelszeug oder als Anzeichen des Wahnsinns (Veitstanz) verdammen. Im 20. Jahrhundert werden ausschweifende Tanzfeste hauptsächlich als bedrohliche Schwächung der Arbeitskraft wahrgenommen. Im Nationalsozialismus gilt der unregulierte Tanz als Schwächung der Wehrkraft. Er wird nur zugelassen, wenn er sich als motorische Manöverübung präsentiert. Marcuse erkennt 1938, daß von den Nazis das „Tabu der Lust wegen seiner innersten Verbundenheit von Glück und Freiheit aufrechterhalten werden mußte", da anarchische Genußmenschen, z.B. die swingtanzende Jugend „für jede heroische Domestizierung vollends verdorben" wären (Marcuse, 1938, 35).Die Ablehnung des Tanzstils als Aufhänger der Kritik am gesamten expressiven Lebensstil, folgt seit den 50er Jahren immer dem gleichen Muster: Die ältere Generation beklagt sich über Dauer des Tanzvergnügens, über Monotonie, Lautstärke und Rauschhaftigkeit der Musik, deren Automatismus kranke, wahnsinnige Bewegungen und Verhaltensweisen erzeugt. Die jugendlichen Tanzexzesse sind eine Bedrohung, weil sie als „hedonistische, unproduktive" Freizeitpraxen bewußt die prägenden Rhythmen des industriellen Arbeitsalltags durchbrechen. Schon mit Beginn der industriellen Revolution werden Anzahl und Dauer von volkstümlichen Tanzfesten eingeschränkt, die vorher mehrere Tage und Nächte dauern. Bevor Techno den mehrtägigen Endlostanz einführt, damit die biblische Ruheverordnung am siebten Tag und die Struktur Arbeitswoche/Entspannungswochenende zum Kräftesammeln für die neue Arbeitswoche negiert, tanzt man bei schon bei Charleston- (in den 20er Jahren) und Swing-Tanzmarathons in den 40er Jahren bis zur totalen körperlichen Erschöpfung. Der Endlostanz reanimiert das Kultische im Tanz. Durch seinen pseudo-religiösen Charakter kann er wieder mehrere Tage dauern. Permanenz und Dauer des Tanzes und die pausenlosen rhythmischen Wiederholungen von Takten der Tanzbewegung lassen sich in den afrikanischen Stammestänzen nachweisen. In der Geschichte der Jugendkulturen sind die Mods in den 60er Jahren die ersten Mal, die das gesamte Wochenende feiern. Die alltägliche Zeitordnung wird der frenetischen Feier geopfert. Die fehlende körperliche Kondition kann mittels Speed (bei den Mods) bzw. Ecstacy (Techno) künstlich nachgebessert werden. Die enge Verbindung von Musik-, Tanzstil und Drogen ruft die Sorge um das gesundheitliche Wohl der Jugendlichen hervor. Dies führt oft zur Ablehnung einer neuen Tanzbewegung, weil alle Tanzenden vor Drogengenuß und anderen körperschädigenden Auswirkungen geschützt werden sollen. Twist, so wird vom amerikanischen Ärzteverband behauptet, verursache Auskugelung von Gelenken und Schäden an Wirbelsäule und Hüftgelenken (Günther 1982, 217). Ein anderer Grund der Ablehnung von jugendlichen Tanzräumen ist die „gesundheitsschädigende Lautstärke" (Neißer/ Mezger/ Verdin 1979, 76), weswegen Discotheken Erwachsenen seit jeher als Orte minderer Lebensqualität erscheinen.In der konservativen Abwehr innovativer Tanzbewegungen wird oft nach dem Eingriff der staatlichen Macht zum Schutz der „Volksgesundheit" gerufen. So fordert ein Pressesprecher der Jungen Union aus Oberbayern, Tobias-Georg Kurzmeier, 1995 !!! (in Übernahme einer im Mai 1995 formulierten Forderung des Drogenbeauftragten der Bundesregierung Eduard Linter, CSU) ein gesetzliches Verbot von Techno in Bayern:„... Ein Verbot der Techno- Musik soll aber vor allem einen Schutz für die Gesellschaft, besonders für junge Leute, darstellen. Techno-Musik ruiniert die Gesundheit! (...)Es ist erwiesen, daß die überdimensionale Lautstärke von Techno zu gravierenden Hörschäden führt und die extreme körperliche Verausgabung durch die totale Hingabe an die Musik mit und ohne zusätzlichen Drogenkonsum, - der Zustand des sogenannten „high sein"- zu einem Zusammenbruch des Kreislaufes führen kann. (Brief vom 31.10.1995, deep magazine S. 1011, Januar 1996)Neißer/ Mezger/ Verdin behaupten in ihrem Buch über die Disco-Kultur: Rockmusik, Beat und Märsche führen zu unkontrollierbaren, ungesunden Erregungszuständen, die in Aggression münden. Disco-Musik erzeuge außerdem durch ihren mechanischen Grundschlag Rausch und Ekstase (Neißer/ Mezger/ Verdin 1979, 31, vgl. auch Mezger 1980, 29). „... durchgängig wummernder Grundschlag, pompöse Arrangements, kurze ständig wiederholte Textzeilen, die sich vorzugsweise zweideutig auf Tanz und Sexualität beziehen."(Eichstedt/Polster zu George McCrae Rock your baby von 1974; 1985, 125)Die oben aufgeführten Aussagen führen Behauptungen, daß eine reine Tanzmusik unpolitisch sei, ad absurdum. Wenn eine Musik- und Tanzform solche Ablehnung provoziert, wird deutlich, daß sie als eine Bedrohung empfunden wird. Sie ist Hinweis auf die im Stil formulierten gesellschaftlichen Widersprüche. Eine liberale Elterngeneration steht der ekstatischen Tanzbewegung Techno wieder fassungslos gegenüber, hat man doch gerade in alternativen Tanzkursen, Tanz als befreienden Selbstausdruck und als Rückkehr zu Natürlichkeit entdeckt (z.B. Bauchtanz, afrikanische Tänze). Das erfordert zwangsläufig die Ablehnung der neuen Musik, womit Thesen der immer größeren Überlagerung von Jugend- und Erwachsenenkultur zu relativieren wären. Zum ersten Mal in der Geschichte von Jugendkulturen werden Abgrenzungsmechanismen umgedreht. Die Jugendkultur öffnet sich immer mehr auch für tanzbegeisterte ältere Mitglieder, integriert und akzeptiert diese. Dagegen schotten sich spezielle Postadoleszenten-Kulturen immer mehr gegenüber Jugendliche und ihre Musik- und Tanzstile ab. Immer mehr „garantiert technofreie" Discos und Kneipen für über 25jährige eröffnen. Hier bleibt man in der gleichen Altersklasse und kein „echter" Jugendlicher kann die Illusion der eigenen immerwährender Jugend zerstören. Techno ist also ein stark polarisierendes Phänomen:"Die Diktatur des großen Wumms: Stundenlang stampft ein Preßlufthammer seinen monotonen Rhythmus, fressen sich Kreissägen in Stahlträger, heulen Alarmsirenen.... Der Krach ist die Disco Musik der Neunziger. Tekkno heißt das neue Ding im Underground." (aus einem stern Bericht von 1993)„Die Djs mischen dazu monotone Trommelbeats mit einfachen Gesangsmelodien an den Synthesizern."(Büsser 1996, 9) Das Unwissen über das unbekannte Tanz- und Musikgeschehen führt zu den oben angeführten, teilweise völlig falschen Behauptungen. In diesen Aussagen steckt jedoch ein bedeutsamer Hinweis: "Eine relevante neue Popmusik erkennt man immer daran, daß ihr nachgesagt wird, da höre sich doch jedes Stück gleich an." (Diedrichsen 1994, 27) Für die Wirksamkeit einer neuen Musikrichtung ist neben der „Monotonie" das fremde, "komische Geräusch" entscheidend, ein epochenspezifischer Fehler in der Musik, der zum totemistischen Zeichen eines neuen Stil-Kults wächst (Diedrichsen 1994, S. 27). Vom technischen Standpunkt handelt es sich um eine Störung, für die Älteren ist es eine Reproduktion des Alltags-Lärms."Musik könnte ein startendes Flugzeug sein? Grindcore. ...Gitarre wie mit Küchenmixer bearbeitet? Drei Möglichkeiten. Trommeltöne unterscheidbar? Trash. Rasendes Wummern (Drummer hat zwei Baßtrommeln, für jeden Fuß eine): Speed Metal. Extrem verlangsamtes Dröhnen: Doom Metal ... (aus der Standard- Underground- Checkliste 1993 von Klemens Polatschek) Die Störgeräusche, wie z.B. Rockabilly Schluckauf, WahWah, die 303, das Scratchen, das Ravesignal usw. sind absichtliche Manipulation von Unterhaltungselektronik. Dieser Mißbrauch zieht motorische „Fehler" im Tanz nach sich. Analog zum Prinzip der musikalischen Störung entsteht die "komische" Bewegung. Sie gilt den Älteren als Indiz für die Abkehr von gesellschaftlichen Grundwerten und für die Verwahrlosung der Jugendlichen, die sich ihrer sozialen Reproduktionsrolle entziehen wollen. Eine Gegenstrategie besteht darin, die widerständige Formensprache, wodurch sich die komischen Bewegungen auszeichnen in eine Ordnung zu bringen und in die geregelten Formen des Gesellschaftstanzes zurückzuführen. Rock`n` roll wird z.B. erst zum Jive und dann zum Sporttanz umgeformt.
www.tpo.it
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